„DIE HÖCHSTE FORM DER MENSCHLICHEN INTELLIGENZ IST DIE FÄHIGKEIT ZU BEOBACHTEN, OHNE ZU BEWERTEN.“

[Jiddu Krishnamurti]

BEOBACHTUNG UND BEWERTUNG

WARUM WIR BEIDES BRAUCHEN…

Vor vielen Jahren habe ich mein erstes GFK (Gewaltfreie Kommunikation) Seminar besucht. Das war ein 2 1/2 Tages Workshop, in dem ich mit dem 4-Schritte-Modell von Marshal B. Rosenberg in Berührung kam. Das war der Beginn einer langen Reise mit viel Ringen um das Verstehen von Sprache und Wirkung.

DEFINITION AUS DER SICHT DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION

Im ersten Schritt des Models geht es um Beobachtung. Die Gewaltfreie Kommunikation beschreibt eine Beobachtung als etwas, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Und da wird oftmals der Vergleich mit der Filmaufnahme einer Kamera herangezogen. Die Aufnahmen lässt uns hören und sehen, was passiert ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Bewertungen werden beschrieben als die Folgerungen, die wir aus unseren Beobachtungen ziehen. Wir ziehen Schlüsse aus unseren Beobachtungen und bewerten das Erlebte nach gut oder schlecht, gefährlich oder sicher, normal oder unnormal. Bewertungen sind die Kritik zu unseren Beobachtungen oder dem „Film“.

Im Film „127 Stunden“ gibt es die Szene, in der sich der Hauptdarsteller selbst die Hand abschneidet. Wenn wir den Film nicht zu Ende anschauen und später über die Szene berichten, wären in unserer Erzählung sicher ein paar Bewertungen wie „der tickt ja nicht richtig“ oder „der ist ja verrückt – verstümmelt sich selbst“.
Mit den Beobachtungen, die wir haben, können wir nicht sagen, wie der Protagonist „tickt“ oder er sich selbst verstümmelt.

Im Film stellt sich heraus, dass der Protagonist eine Entscheidung mit hohen Folgekosten treffen musste: Sterben oder die Hand verlieren. In diesem Fall würden wir das Verhalten womöglich anders interpretieren.

BEWERTUNGEN SIND NICHT GEWALTFREI

Die ersten Wochen nach dem Seminar waren erhellend, anstrengend und haben mich damals stark verunsichert. Ich hörte überall Bewertungen und habe festgestellt, dass auch meine Sprache gespickt mit Bewertungen war und wusste eine Zeit lang nicht, wie ich mich ausdrücken kann. Die Ursache für meine Verunsicherung sehe ich heute in meiner Bewertung des 4-Schritte-Modells. Ich hatte die Unterscheidung zwischen Beobachtung und Bewertung für mich so eingeordnet, dass jede Bewertung nicht gewaltfrei und somit schlecht sei.

DER GROSSE IRRTUM

Heute sehe ich das anders. Sowohl Bewertungen als auch Beobachtungen sind hilfreich. Es kommt, wie so oft, auf den Kontext an.

Zum Überleben brauchen wir unsere Fähigkeit zu Bewerten – in kürzester Zeit. Wenn ich Auto fahre und mein Bremsverhalten in Beobachtungen kleide, dann kann ich wahrscheinlich nicht schnell genug reagieren.

Wenn ich jedoch Gespräche führen möchte, bei denen ich in Sorge bin, wie mein Gegenüber reagiert, dann wird die Unterscheidung wieder sehr bedeutsam. Wenn ich meinem Kollegen sage: „Du kommst immer zu spät“ – dann wird der Kollege dies vermutlich stark von sich weisen und möglicher Weise so reagieren: „Stimmt doch gar nicht.“ Und schon sind wir in der Diskussion darüber, wer Recht hat. Dabei könnte das Aussprechen einer Beobachtung: „In der letzten Woche habe ich 3x nach unserer verabredeten Zeit auf dich gewartet“ dazu beitragen, gemeinsame Lösungen zu finden.

Und weil wir nur wenig Einfluss darauf haben, wie unsere Worte von unserem Gesprächspartner interpretiert werden, so ist ein „Nein, das stimmt doch gar nicht“ ein wertvoller Indikator, dass eine Bewertung gehört wurde und wir können die Bewertung in eine filmreife Beobachtung übersetzen.

DIE OBJEKTIVITÄT VON BEOBACHTUNGEN

Zuletzt möchte ich noch mit dem Irrglauben aufräumen, dass Beobachtungen objektiv seien. Ich glaube, dass keine Kamera-Aufnahme jemals objektiv sein könnte. Die Person, die die Kamera hält bestimmt den Ausschnitt des Bildes, den wir sehen. Die Geschichte von den blinden Männern, die einen Elefanten untersuchen, um zu begreifen, was das ist. Jeder von ihnen beschreibt einen Teil des Elefanten – und haben mit ihren unterschiedlichen Beschreibungen alle recht.

DIE HERAUSFORDERUNG

Die Schwierigkeit, Beobachtungen und Bewertungen auseinanderzuhalten, kann Feindbilder schaffen oder verstärken. Wir sehen nur Teile des Bildes und vermuten dahinter die ganze Wahrheit.

Außerdem können selbst erfüllende Prophezeiungen entstehen, was der Pygmalion-Effekt gut beschreibt.
Die amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal und Lenore Jacobson konnten den Effekt der selbst erfüllenden Prophezeiung bereits in den 1960er Jahren beobachten. Hierzu führten sie eine Studie an amerikanischen Grundschulen durch.
Dabei wählten die Wissenschaftler einige Schüler zufällig aus und erklärten den Lehrern, dass diese Kinder besonders begabt seien und in der nächsten Zeit eine große Leistungssteigerung zu erwarten sei. Tests nach einem Jahr zeigten, dass genau diese zufällig ausgewählten Schüler ihre Leistungen viel stärker steigern konnten als die Kontrollgruppe.
Die Erwartung der Lehrer hat ihr Verhalten gegenüber diesen Schülern, beispielsweise durch höhere Anforderungen und häufigere Nutzung von Lob und Tadel, so beeinflusst, dass die Prophezeiung der Wissenschaftler wahr wurde.

OFFEN BLEIBEN…

Mit der Gewaltfreien Kommunikation geht es also nicht darum, mit dem Bewerten aufzuhören. Vielmehr um die Achtsamkeit, wann sie hilfreich und wann weniger hilfreich ist. Und wenn wir andere Personen doch bewerten und in Schubladen packen… – dann ist es hilfreich die Schubladen, in die wir andere stecken, weit offen zu lassen, damit sie auch wieder rauskommen können.

Bettina Ruggeri

Bettina Ruggeri

Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation

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